Christoph Kivelitz

Roman Signer – 'Atmende Säule'

Roman Signer (*1938 Appenzell / Schweiz)

Interview von Thomas Frank mit Christoph Kivelitz über die Atmende Säule von Roman Signer am Carl-von-Ossietzky-Platz in Bochum Langendreer (Ortstermin). In: Ruhr Nachrichten, Bochum, 4. 1. 2010.


Thomas Frank: Signers 'Atmende Säule'. Zurück zum tagtäglichen Erleben.

Wie ein kleiner Park wirkt der Carl-von-Ossietzky-Platz im Zentrum von Langendreer. Autoumrauscht, zwischen zwei Amtsgebäuden, beherbergt er eine Rasenfläche, umgürtelt von immergrünen Hecken und Buchen. Inmitten des ovalen Geländes ragt eine Doppelsäule in den Himmel.

Zwei ineinander gesteckte Stahlblechrohre, das äußere schwarz, das innere blank. Die Säule flankieren zwei schwarze, stählerne Pavillons. "Atmende Säule" nennt sich die dreiteilige Installation. Der Schweizer Künstler Roman Signer errichtete sie 1979/80 anlässlich des Bochumer Bildhauersymposions. Der Titel stammt nicht von Signer, sondern aus dem Volksmund. Wenn es regnet, fangen die Pavillondächer das Wasser auf. Von deren Mitte läuft es durch eine Leitung unter die Erde. Schwillt damit der Wasserspiegel an, steigt das Innenrohr der Säule langsam nach oben. Fällt er, senkt es sich wieder.Atmen wie ein Organismus Das hinein dringende und wieder heraus stoßende Wasser sieht man nicht, wie aus eigener Kraft scheint die Säule auf- und abzusteigen. "Damit ist die Statik und Monumentalität der Säule ausgehebelt. Sie fängt plötzlich an wie ein Organismus zu atmen, zu pulsieren und bindet sich damit in den Naturprozess ein", sagt Kunsthistoriker Christoph Kivelitz. Das physikalische Prinzip demonstriert in einem gewaltigen, komplexen Versuchsaufbau. "Es macht Spaß zuzuschauen, wie sich die Säule allmählich hebt und senkt, weil man die Ursache dieses Prozesses nachvollziehen kann. Jeder ganz einfache Brunnen funktioniert ja letztlich so", schwärmt Kivelitz.

Filigrane Konstruktion vereint Zufall und Überraschung

Unter der Erde befindet sich ein Überlaufbecken. Steigt das Wasser auf 8 Meter an, ö ffnet sich automatisch eine Klappe und es läuft wieder ins Grundwasser zurück. Zu der filigranen Konstruktion gesellen sich Zufall und Überraschung. Denn ob sich etwas ereignet, hängt ab von der Jahreszeit und der Niederschlagsmenge ab. Tag und Nacht spielen auch mit hinein. "Die Installation möchte auf Menschen reagieren, die aus dem Fenster schauen und wie beim Blick aufs Thermometer beobachten, wenn etwas anders geworden ist."

Das ewige Werden und Vergehen

"Einmal haben wir über das Element des Wassers einen Bezug auf das ewige Werden und Vergehen", so Kivelitz. Demgegenüber steht die Nähe zum Alltäglichen: "Die tägliche Kontingenz des Wetters, die wir ja alle über den Wetterbericht verfolgen, bringt das Ganze wieder zurück auf die menschliche Dimension von Zeit."

Selbstironie schwingt im Kunstwerk mit

Unwiderstehlich macht das Kunstwerk zuletzt die mitschwingende Selbstironie. Denn Signer tritt hier mit dem Pathos des Wissenschaftlers an und bezweifelt ihn gleichzeitig. "Da ist eine aufwändige Versuchsanordnung, von der man meint, da würden irgendwelche Wettermessungen vollzogen, dabei vergegenwärtigt sie uns etwas, was wir sowieso wissen, was wir tagtäglich erleben. Dadurch lässt er den ständigen Fortschrittswahn vollkommen ins Wanken geraten", interpretiert Kivelitz. Signer verzichtet auf einen hohen philosophisch-idealistischen Anspruch. Stattdessen ist er Initiator des Ursprünglich-Volkstümlichen, der uns auf etwas zurückführt, mit dem wir täglich leben.

Roman Signer wurde 1938 in Appenzell geboren. Die 'Atmende Säule' ist seine erste Arbeit im ö ffentlichen Raum. Signer verbrachte mehrere Monate in Bochum, in denen er mit dem Publikum sein Projekt mehrfach diskutierte. Als Atelier nutzte er einen Patenbetrieb des Bildhauersymposiums, die Bochumer KHD Wedag AG. Diese stellte – quasi als moderne Form des Mäzenatentums – Arbeitsplatz, technische Hilfe und das Material kostenlos bereit. Durch ihre Monumentalität steht das Werk noch in der Tradition der konkreten Skulptur. Die kinetische Dimension, der Zeitaspekt und das Kontingent-Alltägliche sind aber schon zukunftsweisend für sein späteres Werk, die so genannten "Zeitskulpturen". In ihnen kombiniert er Alltagsgegenstände, Live-Action, Standbildfotografie mit filmischer Dokumentation. So hatte er 1987 bei der Documenta 8 in Kassel 350 Stapel Papier zu je 1000 Blatt in einer Linie angeordnet. Die 350 000 Papierblätter wurden gleichzeitig durch Sprengladungen hochgeschossen und bildeten für kurze Zeit eine flatternde Papierwand von 15 Metern Höhe und 300 Metern Länge.

 

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