Christoph Kivelitz

Sisyphos Reloaded. Installationen von Barbara Abendroth und H.R.REYSisyphos Reloaded, Einladungskarte

Bochumer Kulturrat, 19.11. - 23.12. 2005

Einführungsrede zur Eröffnung

Es ist die Auseinandersetzung mit einem Mythos, die die beiden Künstlerinnen Barbara Abendroth und H.R. REY zusammen geführt hat. Dem Mythos kretischer Herkunft zufolge war Sisyphos durch die Götter dazu verurteilt worden, unablässig einen Felsblock einen Berg herauf zu wälzen, von dessen Gipfel der Stein dann zwangsläufig immer wieder hinunter rollt. Bis heute ist der Mythos des Sisyphos Metapher für eine zweck- und aussichtslose Arbeit, die es unabläßig zu verrichten gilt. Sisyphos verkörpert darüber hinaus aber auch pars pro toto den Lebensweg des Menschen, der von den Göttern verlassen und aus dem Garten Eden vertrieben, Sinn und Bestimmung dieses Weges zu erkennen sucht. Als Inbegriff einer verweltlichten Moderne schlechthin wird der Mythos des Sisyphos zur Zentralfigur einer existentialistischen Weltdeutung, indem er die Erfahrung des Absurden durch die Ausweglosigkeit seines Schicksals zur Anschauung bringt. So Albert Camus:

Kurz und gut: Sisyphos ist der Held des Absurden. Dank seiner Leidenschaften und Dank seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sei Hass gegen den Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Marter aufgewogen, bei der sein ganzes Sein sich abmüht und nichts zustande bringt. Damit werden die Leidenschaften dieser Erde bezahlt.

Die möglichen Interpretationsansätze zur Deutung des Mythos sind vielfältig. Ganz unterschiedliche Aspekte haben so auch die beiden Künstlerinnen Barbara Abendroth und H.R. REY ihren Installationen zugrunde gelegt. Die Installation von Barbara Abendroth dringt zunächst akustisch zu uns. Aus den Kellerräumen der Galerie vernehmen wir - bedrohlich, rätselhaft - ein Stöhnen und Ächzen, begleitet durch ein Herzpochen, das eine außergewöhnliche Anstrengung des Körpers assoziieren lässt. Die wachsende Intensität des Herzschlags vermittelt eine Spannungskurve, die auf einen Höhepunkt und schließlich auch eine Entladung der Energien drängt. Um die Bilder unserer Fantasie weiter auszuführen, sei noch einmal Camus das Wort gegeben:

So sehen wir nur, wie ein angespannter Körper sich anstrengt, den gewaltigen Stein fortzubewegen, ihn hinauf zu wälzen und mit ihm wieder und wieder einen Abhang zu erklimmen; wir sehen das verzerrte Gesicht, die Wange, die sich an den Stein schmiegt, sehen, wie eine Schulter sich gegen den erdbedeckten Koloss legt, wie ein Fuß ihn stemmt und der Arm die Bewegung aufnimmt, wir erleben die ganz menschliche Selbstsicherheit zweier erdbeschmutzter Hände.

Wir vernehmen weiter den vorläufigen Endpunkt dieser Handlung, den kurzen Moment des Triumphes, in musikalischer Weise zum Ausdruck gebracht, dann die Enttäuschung, den neuerlichen Sturz des Felsen in den Abgrund, die Verzweiflung und neuerliche Anstrengung des Menschen als Widerstand gegen die Tragik der immer gleichen Wiederkehr. Im Kellerraum selbst ist der Mythos - parallel zu dieser klanglichen Vermittlung – als Lichtinstallation zur Darstellung gebracht. Durch Leuchtrohre ist die Geschichte gleichsam wie eine immaterielle Zeichnung dem dunkel belassenen Raum eingeschrieben. In einer dreiteiligen Bildsequenz läuft der Mythos fast filmisch vor unseren Augen ab, wobei wir selbst uns unausweichlich in das Geschehen eingebunden sehen. Die Abgeschlossenheit der Inszenierung und das zwanghafte Abspulen der Bilder und Klänge lassen Raum und Zeit allmählich vergessen, um den Betrachter in eine meditative Selbstvergessenheit zu versetzen. In natürlicher Größe uns als Gegenüber konfrontiert, lässt Sisyphos uns seine Haltungen und Empfindungen erfahrbar werden. Mit gesenktem Haupt bringt er uns Niedergeschlagenheit und Frustration zur Erkenntnis, der angespannte, aufrechte Körper vergegenwärtigt uns Stolz und Selbstbewusstsein hinsichtlich des vermeintlichen Erfolgs, dann wieder Scheitern und Verzweiflung. Im kleinen Nebenraum ist dem Mythos des Sisyphos durch Lichtobjekte eine weitere Facette abgewonnen. Nochmals wird der Ablauf des Geschehens in drei Körperposen nachgezeichnet, doch in diesem Fall in verführerisch in unterschiedlichen Farben aufflackernden Lichtpunkten, die der Gestalt eine juwelengleiche Anziehungskraft vermitteln. Die Tragik des Mythos tritt hinter der Schönheit der kostbar anmutenden Figuren zurück. Auch für diese offenkundige Ambivalenz hat Camus Worte gefunden:

Wenn der Abstieg so manchen Tag in den Schmerz führt, er kann doch auch in der Freude enden. Damit wird nicht zu viel behauptet. Ich sehe wieder Sisyphos vor mir, wie er zu seinem Stein zurückkehrt und der Schmerz von neuem beginnt. Wenn die Bilder der Erde zu sehr im Gedächtnis haften, wenn das Glück zu dringend mahnt, dann steht im Herzen des Menschen die Trauer auf; das ist der Sieg des Steins, ist der Stein selber. Die gewaltige Not wird schier unerträglich. Unsere Nächte von Gethsemane sind das. Aber die niederschmetternden Wahrheiten verlieren an Gewicht, sobald sie erkannt werden. [...] Glück und Absurdität entstammen ein und derselben Welt. Sie sind untrennbar miteinander verbunden.

(...)

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