Christoph Kivelitz

Thomas Klegin - DistriktThomas Klegin, Distrikt

Text von Dr. Christoph Kivelitz im Katalog

LASST UNS 3 HÜTTEN BAUEN

Zeitgenössische Bildende Kunst und Architektur im Dialog, 2005, Stadtgärtnerei Bonn-Dransdorf. Hrsg.: Elisabeth Montag Stiftung, Bonn. Rasch Druckerei und Verlag GmbH & Co KG, Bramsche, 2005.

 

Thomas Klegin komponiert räumliche Strukturen aus seriell gefertigten Materialien, denen er ein breites Spektrum an individuellen Gestaltungsvariationen abgewinnt. Als Grundmuster seiner temporären Installationen oder Interventionen im öffentlichen Raum setzt der Künstler ein Koordinatensystem, dem als Raster - scheinbar planlos - verschiedene Elemente eingefügt werden. Aus dem Gegensatz von Ordnung und Chaos entsteht ein Spannungsfeld, das den Betrachter im Versuch der räumlichen Orientierung unmittelbar einbezieht und widersprüchliche Verhaltensmuster provoziert. Durch gespannte Bänder, verschachtelte Körper oder Anordnungen von Dingen - Stühlen, Türen, Fernsehgeräten - deutet Klegin Wegeführungen an. Er gestaltet räumliche, begehbare oder auch zu benutzende und zu "besitzende" Situationen, um eine gegebene räumliche Konstellation in einem Sinnbild zu verdichten oder durch eine komplexe Struktur zu überlagern. Hierbei greift der Künstler auf die Typologien des Labyrinths und des Irrgartens zurück. Obwohl das klassische Labyrinth und der Irrgarten auf den ersten Blick sehr ähnlich aussehen, setzen sie den Besucher ganz gegensätzlichen Erfahrungen aus. Das Labyrinth gestaltet sich aus nur einem einzigen verschlungenen Weg, der zum Zentrum führt. Dieser Weg ist auch der einzige, der herausführt. Im Prozess der Annäherung verschiebt er sich in einer kontinuierlichen Pendelbewegung zwischen Nähe und Ferne. Durch einen großen Umweg führt er wiederholt am erstrebten Zentrum vorbei, bis er endlich ins Zentrum mündet. Während der Weg des Labyrinths kreuzungsfrei ist, verlangt der Irrgarten dem Besucher vielfältige Orientierungen ab. Der Weg zum Zentrum oder zu einem Ausgang muss durch viele Abzweigungen und Kreuzwege hindurch gefunden werden. Es vermittelt sich der Impuls, die räumlichen Koordinaten aus der eigenen Erfahrung abzuleiten und mögliche Systemzusammenhänge an der Realität zu überprüfen. Der Wechsel von Blick- und Standpunkten vermittelt Einsicht in die vielschichtige Logik seiner Arbeiten. Auf dieser Ebene berühren sich die Rauminstallationen von Thomas Klegin mit der existentiellen Symbolik des Labyrinths, in dessen ornamentaler Struktur sich eine übergreifende, rationale Logik offenbaren soll. Die ortsspezifische Situation, deren Bedeutung in Geschichte und Gegenwart, bildet die Folie für neu geschaffene Reflexions- und Handlungsräume.

Der Projektbeitrag "Distrikt" von Thomas Klegin basiert auf der Tatsache, dass das Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei - nicht zuletzt nach deren Schließung - als verbotenes Terrain aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt wurde. Um diese Situation zu akzentuieren, gibt Klegin dem zentralen Gebäudekomplex für den Zeitraum der Ausstellung den Charakter eines geschlossenen Bezirks. Die Architektur der Gewächshäuser ist durch ein Raster klar strukturiert. Versorgungsleitungen und die aus Beton gegossenen Bassins zur Anzucht der Pflanzen füllen die Innenflächen so weit aus, dass nur schmale Wege zwischen diesen erhalten bleiben. Die Erfahrung, das Innere dieser nur noch rudimentär vorhandenen Gebäude nur mit Schwierigkeiten und unter Gefahr begehen zu können, veranlasst Klegin dazu, den Zutritt zu diesem Komplex durch eine symbolische Absperrung als markantes Sinnbild der noch ungeklärten Nutzungsperspektive zu verwehren. Vergleichbar einer Bau-, einer Unfall- oder Gefahrenstelle schließt Klegin die Öffentlichkeit aus dem entglasten Gewächshaus aus. Nachdem Innen- und Außenraum durch den Verlust der Glasscheiben ineinander verflossen waren, wird hier eine neue, unhintergehbare Grenze formuliert. Mit rot-weißem Absperrband deutet er Wegeverläufe an, die das Ordnungsmuster der ehemaligen Gewächshäuser aufgreifen und in Variationen weiter entwickeln. Auf fünf Ebenen bringt Klegin - wieder im Rekurs auf das vorgegebene Grundraster - weitere räumliche Einheiten in den offenen Baukörper ein.

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- Abbildungen der Ausstellung

- Website von Thomas Klegin