Christoph Kivelitz

und es bewegt sich doch … Von Alexander Calder und Jean Tinguely bis zur zeitgenössischen 'mobilen Kunst'

Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Bochum, , 11.6. – 3.9. 2006.Kurator: Christoph Kivelitz.

 

Text über Matthias Schamp, S. 74

"Als Kind hatte ich einen Goldhamster. Daher sind mir langwährende Sessions gegenwärtig, im Verlauf derer ich erwartungsvoll in den Käfig starrte und fast nichts geschah. Fast – d. h. einzig und allein die Bewegung der Watte, wenn sich der Hamster in seinem Häuschen regte. Dies war eine harte Schule der Wahrnehmung, durch die ich gegangen bin, doch habe ich daraus gelernt. Deshalb: Den Erwartungshorizont unterschreiten – Jetzt!"

Matthias Schamp verwendet für seinen Objektzyklus der Hamsterkäfige (2003, Abb. S. 80) gekaufte Hamsterhäuschen unterschiedlicher Beschaffenheit, die jeweils durch Watte angefüllt sind. Die Objekte sind jeweils auf einem kleinen Sockel an der Wand angebracht. Durch ein Loch in der Platte je unterschiedlicher Materialität kann die Watte berührt und in Bewegung versetzt werden. Dem Hamsterhäuschen steht eine kleine Flagge mit Symbol oder Inschrift zur Seite. Dadurch verwandelt sich die Behausung des Hamsters in eine kleine Festung, mit der eine Haltung, Lebenseinstellung oder gar Ideologie des gedachten Bewohners transportiert wird. Die Flagge evoziert die Inbesitznahme eines Ortes durch Einpflanzen eines Sinnbildes in den Grund, sei es auf den Mond, eine einsame Insel oder ein anderweitig besetztes Stück Land, etwa auch die Parzelle einer Kleingartenanlage. Gleichzeitig wird dieser Anspruch durch die Miniaturdimension und den spielerischen Charakter der Objekte ironisch gebrochen. Die Ausfüllung mit Watte als einem weichen Material mit eher beruhigender, vielleicht gar therapeutischer Wirkung steht dem martialischen Kontext der Landnahme entgegen. Der gedachte Bewohner bleibt unsichtbar, ähnlich wie in einem Hamsterkäfig, in dem tagsüber – zur Schlafenszeit des Tieres – nicht viel passiert. Erst durch die Intervention des Rezipienten, durch Hineinstecken des Fingers und Betasten des Materials, wird – je nach Intensität und Dauer des Eingriffs – eine subtile Bewegung wahrnehmbar. Die eigentliche Funktion des Hamsterbaus als Schutzraum für ein aus dem natürlichen Lebenszusammenhang gerissenes Haustier wird damit ausgehebelt.

In der Verknüpfung mit Flagge, Wandsockel und Watte als Füllmaterial eröffnet sich vielmehr ein assoziativer Gedankenspielraum, der sich – wie eine symbolisch verdichtete Modellbauwelt – auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche bezieht und gleichzeitig hierauf bezogene Verhaltensweisen, Protestkundgebungen, Gruppenzugehörigkeiten, Weltbilder einer "Schöner-Wohnen-Kultur" evoziert. Die "Zitadellenkultur" der heutigen Mittelklasse-Vorstadtwelten wird hier ironisch-zwinkernd in eine Playmobildimension verrückt.

 

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link Website von Matthias Schamp